„Demokratie wird es im arabischen Raum nicht geben“

Militärattaché Oberst a.D. Eberhard Möschl spricht über die Umbrüche in der arabischen Welt.

Bei der gemeinsamen Veranstaltung der Frauenunion, Jungen Union und Seniorenunion Südbaden in Titisee-Neustadt hielt Oberst a.D. Eberhard Möschl ein fast sechsstündiges Referat über die historischen Zusammenhänge und aktuellen Begebenheiten im arabischen Raum. Möschl, der seine fliegerische Ausbildung in den USA und ein Studium der Orientalistik in Hamburg und München absolviert hat, war als Militärattaché in der Botschaft von Ägypten und Peking tätig, Wahlbeobachter in Indonesien und engagierte sich in der Unfallhilfe von Mazedonien und dem Kosovo. Helga Gund, Vorsitzende der Frauenunion Südbaden, begrüßte die Gäste mit einem Zitat von Christian Thomasius (1655-1728): „Historische Grundkenntnisse sind die Basis für politische Klugheit“.

Zu Beginn seines Referats wies Möschl darauf hin, dass man diesen Satz in den Reichstag einmeißeln müsse. „Ich habe oft hoch dotierte Abgeordnete erlebt, denen jegliches historisches Grundwissen gefehlt hat“, so Möschl. Dann fing er an, den Zuhörern erste Basisbegriffe zu erklären. So erklärte er, was man unter dem arabischen Raum verstehe und erste geographische Zusammenhänge.
 
„Ägypten besteht zu 96% aus Wüste und Ödland. Wer den Fluss kontrolliert, der kontrolliert Ägypten und den Sudan.“
Er erzählte vom Bürgerkrieg im Sudan, bei dem 1,7 Millionen Tote umkamen:
„Die Welt schaute weg. Erst als China 7% seines Erdölbedarfs aus dem Sudan bezog, hat die westliche Welt plötzlich Bedenken über die Menschenrechtslage geäußert.“  
Hauptprobleme Bevölkerungszuwachs und Wasserknappheit
„Das Hauptproblem der heutigen Zeit im arabischen Raum ist die enorme Bevölkerungsexplosion“, so Möschl. Er zeigte die Entwicklung der Bevölkerungszahlen und dass seit 1950 z.B. in Ägypten die Bevölkerung von 20 auf 90 Millionen, in Saudi-Arabien von 6 auf 23 Millionen oder in der Türkei von 21 auf 73 Millionen angestiegen sei.
 „Im arabischen Raum herrscht eine extreme Wasser-, und Lebensmittelknappheit und das bei einer stetig wachsenden Bevölkerung und steigenden Lebensmittelpreise. Fast überall sind mehr als 50% der Bevölkerung unter 25 Jahre alt. Diese jungen Menschen haben keine Aussicht auf Bildung, wirtschaftlichen Aufstieg, Wasser und Essen“, erklärte Möschl.

Unterschiedliches Selbstverständnis
Weiter ging er auf die aktuellen Krisenherde ein: Ägypten und Syrien.
„Ägypten ist der einzige Staat mit einem klaren Selbstverständnis, weil sie eine jahrtausendelange Hochkultur hinter sich haben und klar definierte Grenzen. Sie sind zu 90% Nachfahren der Pharaonen und sehen sich als Führer des arabischen Volkes. Sie sind aber nicht beliebt“, so Möschl.
„Die Ägypter sind Fellachen. Der Araber hingegen ist ein beduinischer Krieger, der nicht arbeitet. Er denkt, der Fellache soll für ihn arbeiten.“   
Somit sei Ägyptens Anspruch auf die Führung im arabischen Raum nicht zu verwirklichen.  Und eines betonte Möschl deutlich: „Demokratie wird es im arabischen Raum nicht geben“, weil es dort kein griechisch-römisches Erbe, keine Reformation, keine Aufklärung und viele andere wichtige Prozesse nicht gegeben habe.
Syrien hingegen sei eine Schöpfung der Kolonialmächte ohne eigenes Selbstbewusstsein. „Zwar taucht Syrien schon in der Bibel auf, aber das war ein anderes, historisches Syrien, das mit dem heutigen Syrien nichts zu tun hat“, so Möschl.

Die USA wird abgelehnt, die Deutschen werden geachtet

Möschl ging auch auf die Rolle der USA im arabischen Raum ein: „Überall, wo die USA aufgetaucht ist, wurden bestehende Strukturen zerstört. Aber es wurde immer gut dabei verdient.“
Er bedauerte die Geschichtsvergessenheit der Deutschen und ging auf das Bild Deutschlands im Ausland ein: „Wir haben überall einen großen Namen, aber nicht mehr lange“, erklärte er.
„Das Bild Deutschlands im Ausland verdanken wir dem Deutschland vor 1914. Aber jetzt bekommen wir Schwierigkeiten wegen unserer Rolle zu Israel. Unsere Rüstungshilfe für Israel ist enorm, dafür profitieren wir allerdings vom israelischen Mossad.“
Er bewertete den „arabischen Frühling“.
„Im Iran und in Syrien wurden zumindest säkulare Systeme von Hussein und Assad eingeführt. Sie waren nicht demokratisch, aber immerhin säkular. Jetzt haben wir einen Aufstand der Muslimbrüder!“ Dass man den „arabischen Frühling“ als Frühling bezeichnet hatte, nannte er eine „Farce, um der westlichen Welt vorzuheucheln, dass im arabischen Raum nichts Schlimmes passiere.“  

Immer wieder betonte er: „Ich habe keine Lösung für die Konflikte im arabischen Raum.“

Eine Vermutung hatte er jedoch: „Es ist gut möglich, dass die bisherige Aufteilung von Ländergrenzen unter Einmischung der Türkei und des Irans aufgelöst wird.“  
Am Ende seines Vortrags erläuterte Möschl noch die Unterschiede zwischen Sunniten und Schiiten. Leider musste der Vortrag aus Zeitgründen anschließend beendet werden.
„Wir hätten ihnen noch stundenlang zuhören können“, so Helga Gund. Mit langem Applaus wurde Oberst Möschl verabschiedet. Trotz der Begeisterung über den Vortrag konnten sich die Zuhörer jedoch von einem unguten Gefühl nicht trennen. Dem Gefühl,  dass man im Westen viel zu wenig über den arabischen Raum weiss und deshalb viele Fehlentscheidungen getroffen würden.  
SIna-Maria Gund
 Pressereferentin

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